Preacher Nr. 1: Der Anfang vom Ende [Panini, Juli 2007]

Manchmal hat das Leben einen echt beschissenen Humor. Nicht, dass es mir wieder mal schlechter geht, aktuell geht es mir sogar ganz gut, aber da macht man schon mal eine Pause, fährt weg, um von allem ein wenig Abstand zu gewinnen, und nimmt sich für die abendliche Lektüre ein paar Comics mit (Romane natürlich auch). Ein bisschen Marvel und DC, etwas Image und IDW, dann noch ein wenig Disney und Manga und ich greife auch zu Preacher Band Nr. 1, weil ich dachte: „Okay, ist bestimmt nett zu lesen. Hast es ja jetzt auch schon ein Weilchen hier liegen. Warum also nicht.“ Und dann beginne ich zu lesen und bin begeistert, was jetzt sicherlich keine Überraschung ist. Aber dann passiert das, was das Jahr 2016 schon zu Beginn zum beschissensten Jahr für uns Comicfans und Menschen im Alter von 30 aufwärts. Steve Dillon stirbt viel zu jung und nun ist dieses Review eher eine Art Andenken an einen großen Künstler geworden. Dennoch denke ich, dass auch Garth Ennis und die Serie Preacher nicht zu kurz gekommen sind …

Preacher Nr. 1: Der Anfang vom Ende

Autor: Garth Ennis
Zeichner: Steve Dillon
Format: Hardcover
Umfang: 216 Seiten
Inhalt: Preacher 1-7
Verlag: Panini Comics
Preis: 24,95 Euro

Das Unheil beginnt, als sich das Mischwesen „Genesis“, welches einen Engel als Vate rund einen Dämon als Mutter hatte, aus seinem himmlischen Gefängnis befreit, in dem es bereits viel zu lange eingesperrt war und auf den Weg zur Erde macht. Dort bemächtigt sich das Geistwesen Genesis des Körpers von Reverend Jesse Custer, der einen Abend zuvor aus lauter Frustration über die „Schäfchen“ seiner Stadt in der örtlichen Kneipe „ausgerastet“ war. Dummerweise war die Kirche zu ersten Mal komplett gefüllt, und als Genesis in Reverend Custers Körper „einschlägt“ sterben alle Bewohner von Annville, außer Jesse Custer. Der wird kurz darauf rein zufällig von seiner Exfreundin Tulip und einem Vampir gefunden. Fortan beginnt eine Reise, die viele Fragen beantworten soll und vor allem eine Suche nach Gott, der, wie sich herausstellt, im Himmel einfach seinen Scheissjob hingeschmissen und sich aus dem Staub gemacht hat …

Bei manchen endet es mit einem gleißenden Licht. Für Jesse fängt es damit an ...

Bei manchen endet es mit einem gleißenden Licht. Für Jesse fängt es damit an …

Autor und Mitschöpfer Garth Ennis ist inzwischen bekannt für seine provokanten Serien. Doch mit „Preacher“ setzte er sich und seinem Kollegen Steve Dillon ein monumentales Comicdenkmal. Beide hatten schon zuvor an der US-Serie „Hellblazer“ zusammengearbeitet und auch dort einen denkwürdigen Run hingelegt, aber „Preacher“ toppte noch einmal alles. Zynismus, Sarkasmus, Gewalt und Brutalität in bis dahin nicht gekannter Form, waren das herausstechendste Merkmal von „Preacher“. Doch alleine darauf kann und sollte man die Serie nicht reduzieren. Denn Preacher bietet mehr. Viel mehr!
Alleine die Handlung an sich, die immerwährende Auseinandersetzung im Himmel, Machtkämpfe und mehr, sind an sich nichts Neues. Doch Ennies schmeißt kurzerhand Gott von seinem Posten und lässt den Himmel führungslos zurück. Alleine diese Idee ist schon irgendwie krank. Und dann taucht auch noch eine Entität auf, die sich als Kind eines himmlischen Kriegers, eines Seraphim, und eines weiblichen Dämons herausstellt, das auch noch mit gottgleichen Kräften ausgestattet ist. Und gerade wenn man denkt: „… schräger kann es wohl kaum noch werden …“ zaubert Ennis eine weitere absurd wirkende Idee aus dem Hut und man ist irgendwie nicht wirklich überrascht. Nicht etwa, weil es unerwartet kommt, dass auf jeden Fall, sondern weil es sich gut anfühlt und passend. Vampire als Begleiter, Polizisten die sich auf Befehl des besessenen Reverend Jesse Custer wortwörtlich selbst „in den Arsch ficken“ und noch viel mehr …
Manchmal hat man einfach nur das Gefühl, dass Garth Ennis ein geisteskranker Psychopath sein muss, denn normal sind diese Ideen irgendwie nicht. Doch was ist heute noch normal und die Zeit in der Preacher entstand, war nicht umsonst das dunkle Zeitalter der Comicindustrie.

Cassidy ist nicht zimperlich

Cassidy ist nicht zimperlich

„Preacher“ hätte jedoch nicht funktioniert, wenn es nicht zwei weitere Männer gegeben hätte, die die Serie maßgeblich mitprägten. Neben dem Coverartist Glenn Fabry, der ebenfalls bereits mit an Hellblazer für Vertigo mitgearbeitet hatte und einige der außergewöhnlichsten Cover für „Preacher“ schuf, war es vor allem das markante Artwork von Steve Dillon. Ein herausragender Künstler, der einen ganz besonderen Stil hatte, den man sofort erkannte, egal, an welcher Serie er arbeitete. Seie s für die bereits erwähnten Serien „Hellblazer“ oder das hier vorgestellte „Preacher“ oder den nicht minder gewalttätigen „Punisher“ für Marvel. Hinzu kamen kleinere Arbeiten für verschiedene Verlage. Leider verstarb Dillon am 22. Oktober 2016 im Alter von nur 54 Jahren viel zu früh an einem rupturierten Wurmfortsatz (wird auch oft fälschlicherweise als Blinddarmentzündung, oder Blinddarmdurchbruch bezeichnet), wie sein jüngerer Bruder Glynn am 22. Oktober über diverse Social Media-Kanäle mitteilte. Jetzt, wo ich am Anfang dieser bereits im ersten Band sehr herausragenden Serie stehe, bekommt alles einen leichten Beigeschmack der Trauer und des Verlustes. Des Wissens, dass es keine neuen Werke mit Dillon geben wird. Dass ein toller und wirklich außergewöhnlicher Künstler wieder einmal die Bühne verlassen hat, und niemals wiederkehren wird. Aber da ist auch die Erkenntnis, dass er Wunderbares geschaffen hat, und dank dieser Arbeiten niemals vergessen wird. Er lebt in seinen Zeichnungen weiter und gerade „Preacher“ ist eine Serie, die wohl für immer zeitlos sein wird. Schon alleine durch die Thematik und natürlich auch deshalb, weil man den Bildern ihren Entstehungszeitraum nicht ansieht. Das ist eben einfach nur typisch und markant Steve Dillon. Das sind keine 60er, 70er, 80er, 90er oder 2000er Jahre-Zeichnung. DAS ist STEVE DILLON PUR. Gerade durch die aktuell angelaufene Serie hat die Comicreihe nochmals einen Schub erfahren und auch, wenn sie, wie auch schon bei „The Walking Dead“, „Daredevil“ oder „Jessica Jones“ (übrigens alles drei empfehlenswerte Serienadaptionen) keine 1:1-Umsetzung ist.

Es gibt Dinge, die sind so krank, dass man sie sich nur schwer ausdenken kann ...

Es gibt Dinge, die sind so krank, dass man sie sich nur schwer ausdenken kann …

Wer bereits andere Werke von Garth Ennis gelesen hat, wird nicht sonderlich überrascht sein. Dennoch stellt „Preacher“ etwas Besonderes dar, das sich der Serie auch nicht absprechen lässt. Allerdings muss und vor allem sollte man sich auf die Serie einlassen, wenn man sie in vollem Umfang genießen möchte. Sicher wird „Preacher“ nicht alle ansprechen und wie so oft wird es auch hier Fans und Hater geben und die sich mit Argumenten, Wortgefechten und manchmal auch Beleidigungen die jweilige Meinung absprechen wollen. Die Serie spaltet einfach die Gemüter. Viele sehen darin nur eine kranke Gewaltorgie mit viel obszönen Elementen. Wer jedoch tiefer schaut, wird sehen, dass „Preacher“ weitaus vielschichtiger ist. Und dann wären da natürlich noch die wunderbaren Zeichnungen von Steve Dillon, möge er in Frieden ruhen und einen Platz in seinem persönlichen Himmel gefunden haben. Nicht zu vergessen sind außerdem die Cover der Serie, welches fast alle ein Kunstwerk für sich sind.

Versteht man das unter Resteverwertung?

Versteht man das unter Resteverwertung?

Copyright aller verwendeten Bilder © 1995-2016 DC/Vertigo / Panini Comics

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