Blau ist eine warme Farbe (Neuauflage) [Splitter, Februar 2016]

Den Comic, den ich heute vorstellen möchte, gibt es genaugenommen schon seit 2010 (die deutsche Fassung erschien erstmals 2013) und wurde nicht nur erfolgreich verfilmt, sondern auch in beiden Versionen (Comicvorlage und Film) mit Preisen ausgezeichnet. Zum ersten Mal bin ich im Rahmen eines Filmmarathons, der sich speziell Comicverfilmungen widmet, in einem Comicforum aufmerksam geworden. Wie so oft war es einer dieser Filme, denen man ihre Comicherkunft nicht wirklich ansieht. In diesem Review werde ich mich vorrangig der Neuauflage, aus dem Februar 2016, widmen, die inhaltlich mit der Erstveröffentlichung von 2013 identisch ist, aber auch in einem kurzen Absatz auf den gleichnamigen Film eingehen …

Blau ist eine warme Farbe
(LE BLEU EST UNE COULEUR CHAUDE)

Emma betritt mit traurigem Blick die Wohnung der Eltern ihrer Freundin Clementine. Clementines Mutter übergibt ihr wortlos einen Brief, indem sich Clementine von ihrer großen Liebe Emma verabschiedet. In diesem Brief, den Clementine auf ihrem Totenbett schrieb, während Emma an ihrer Seite schlief, erzählt sie ihrer Freundin noch einmal ihren Weg zueinander …
Alles beginnt mit Clementines 15. Geburtstag. Sie geht in die 10. Klasse und ein netter Junge hat gerade ihr Interesse geweckt. Doch beim ersten Date begegnet ihr mitten in der Stadt dieses geheimnisvolle Mädchen mit den blauen Haaren. Seit diesem Tag geht es Clementine nicht mehr aus dem Kopf. Sie entwickelt erotische Fantasien und zweifelt an sich selbst und ihrer Sexualität. Unsicher ihrer selbst vergehen die Monate, in denen Clementine ihre Beziehung zu dem Jungen niemals komplett auslebt und sich schlussendlich sogar von ihm trennt. Eines Tages geht Clementine mit ihrer besten Freundin auf eine Demo und kurz danach wird sie von dieser Freundin geküsst. Für Clementine ist dies ein Weckruf. Sie liebt Frauen, aber sie kann es nicht wirklich akzeptieren. Ihr homosexueller Freund Valentin nimmt sie bei einem nächtlichen Streifzug durch die Schwulenbars der Stadt mit, wo sie erneut auf das Mädchen mit den blauen Haaren trifft. Emma! Obwohl Emma in einer Beziehung mit einer lesbischen Malerin ist, entwickeln sich Gefühle zwischen den Beiden und es entsteht eine Affäre. Doch auf Dauer kann und will Clementine das nicht mitmachen. Nach einer schweren Trennung und Versöhnung kommen die beiden wieder zusammen. Doch ihr Glück soll nicht von Dauer sein …

Die erste Seite. Emma liest den Abschiedsbrief von Clementine.

Die erste Seite. Emma liest den Abschiedsbrief von Clementine.

Eine tragische Liebesgeschichte bildet das Grundgerüst für eine autobiografisch inspirierte Coming Out-Geschichte eines jungen Teenager-Mädchens, das sich seiner Gefühle zwar bewusst ist, sich aber für diese schämt. Aber „Blau ist eine warme Farbe“ ist keine typische Geschichte. Keine einfache Liebesgeschichte mit Happy End. Nichts, was einen nach dem Lesen mit einem Lächeln zurücklässt, mit dem Wissen das alles Gut wird. Es ist eine traurige Geschichte, die sehr deutlich zeigt, dass das Leben, jedes Leben, egal wie lange es letztendlich währt, doch zu kurz ist, um sich nicht ausgiebig mit den Menschen zu befassen, die einen tief im Herzen berühren. Dass jede Sekunde des Zweifels und der Angst, eine vergeudete Sekunde ist. Doch obwohl dem Leser von der ersten Seite an bewusst gemacht wird, dass diese Liebesgeschichte nicht glücklich enden wird, schafft es Julie Maroh sehr gut immer wieder eine Leichtigkeit mit sehr viel Frohsinn zu erzeugen. Als Leser vergisst man zwischendurch einfach, dass das Ende endgültig und keinesfalls ein Schönes ist. Stattdessen erlebt und lebt man mit den beiden Hauptfiguren Emma und Clementine. Man genießt jede Sekunde und nimmt teil an einem wunderschönen Leben, das nicht normal und durchschnittlich ist. Es ist besonders, es ist aufregend, es ist voller Liebe und gleichfalls voller Hass, und es ist wunderbar. Jeder einzelne Moment, egal wie schön, oder traurig er auch ist.

Gemeinsam die Lust und das Leben genießen...

Gemeinsam die Lust und das Leben genießen…

Natürlich „lebt“ eine solche Geschichte nicht alleine von der Story oder den ausgezeichneten Figuren, mit allen ihren Facetten, sondern auch durch das Artwork. Und in diesem Fall, kann man wirklich von „leben“ sprechen. Trotz des skizzenhaften Stils, der in sich in großen teilen um realismus bemüht, dann aber immer wieder anatomische Regeln über Bord wirft und gerade zu Beginn vor allem mit Schwarz/Weiß und diversen Graustufen dominiert und nur gelegentlich mit blauen Akzenten daherkommt, beginnen die Figuren plötzlich zu leben. Sie beginnen sich zu bewegen, zu sprechen, zu leiden, sich zu freuen, einfach nur zu „leben“. Die Vergangenheit von Emma und Clementine ist grau. Schwarz/Weiß und grau. Nur Blau sticht heraus, vor allem Emmas Haare, aber auch ein paar andere Kleinigkeiten, sofern sie für Clementines persönliches Empfinden von Wert sind. Das emotional geprägte Leben der Vergangenheit wirkt oberflächlich betrachtet trist; während die für Emma traurige und leblose Gegenwart in den schönsten Farben erstrahlt. Oder anders gesagt. Ab einem gewissen Punkt in Clementines Leben, dann, wenn die für sie schöne Zeit vorbei ist, halten die Farbe Einzug in die Geschichte. Sie täuschen über die eigentlich gedrückte Stimmung hinweg. Sie zeigen, dass auch wenn das Leben nach außen hin bunt und farbenfroh wirkt, es im inneren schon lange nicht mehr so sein muss. Dass das Äußere oftmals nur Schein ist und niemals das offenbaren wird, was die Menschen eigentlich bewegt.

Abschied von Clementine ...

Abschied von Clementine …

Bevor ich nun aber zu meinem endgültigen Fazit komme, möchte ich wie erwähnt noch einmal kurz auf den Film eingehen:
Für sich alleine gesehen hat der Film durchaus seine Berechtigung und kann auch mit sehr schönen Momenten aufwarten, im Vergleich zur Comicvorlage verliert er aber nicht nur sehr stark. Hier kann man schon fast von zwei verschiedenen Geschichten sprechen. Ich persönlich empfand es stellenweise sogar nur als faden Abklatsch dessen, was Julie Maroh eigentlich ausdrücken wollte. Oftmals wirkt es, als wolle man nur von einer Sexszene auf die nächste überleiten und hat mal eben so eine tragisch wirkende Liebesgeschichte drumherum konstruiert. Abgesehen davon, und das ist auch einer der Punkte die Julie Maroh selbst kritisierte, stellt der Film nur das dar, was sich heterosexuelle Menschen unter einer gleichgeschlechtlichen Liebe vorstellen. Während es zwar auch im Comic diese expliziten Momente existenzieller Lust gibt, die vor allem durch ihre Emotionen als durch die schamlose Präsentation des reinen Aktes überzeugen, ist es im Film genau umgekehrt. Es wurden, meines Erachtens nach, viele wichtige Elemente schlichtweg nicht übernommen und durch belanglose Momente der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit ersetzt. Vielleicht ist auch dies der Grund, warum nur mit der Aussage „Frei nach dem Comic von Julie Maroh“ für den Film geworben wird.
Insgesamt wirkt der Film im Vergleich zum Comic so, als würde man sich einen wunderschönen Regenbogen (was hier sinnbildlich für den Comic steht) ansehen, der durch einen faden Graufilter verunstaltet wurde. Da nützen auch die wirklich guten Darsteller und die sehr schönen Schauplätze nichts, wenn das Grundlegende der Vorlage einfach weggelassen wurde. Schon das erste Aufeinandertreffen von Clementine (die im Film seltsamerweise Adèle heißt) und Emma ist im Film weitaus weniger eindringlich, als es im Comic der Fall ist.

Das erste Aufeinandertreffen ...

Das erste Aufeinandertreffen …

„Ich habe meine Mutter gebeten, das mir Teuerste für dich auf meinem Schreibtisch zu hinterlegen: meine Tagebücher. Ich möchte, dass du sie aufbewahrst. All meine blau getönten Jugendträume sind darin. Tintenblau, Azurblau, Marineblau, Yves-Klein-Blau, Cyanblau, Ultramarinblau …“
„Blau ist eine warme Farbe für mich geworden.“
Und genau so geht es auch mir, nach dem lesen dieses Buches. Blau IST eine warme Farbe geworden. Dank Julie Marohs wunderschönen Werk, hat die einst so kühle Farbe alle ihre Kälte verloren. Sie wurde mit Liebe und Wärme gefüllt. Mit Sehnsucht und Verlangen, während die gesamte weitere hier verwendete Farbpalette ihre Fröhlichkeit verloren hat. Sofern man ein Herz besitzt, welches noch empfinden kann, wird man nach der Lektüre dieses Bandes nicht mehr derselbe Mensch sein. Es setzt ein Reifeprozess ein, nicht nur gegenüber anderen Menschen und ihrer Sexualität oder Weltanschauung, sondern auch über das Leben an sich.
Ich für meinen Teil habe sehr viel aus diesem wunderbaren Hardcoverband, der gegenüber seiner Erstveröffentlichung im Jahr 2013, durch das neue größere Splitter Books-Format immens profitiert, vor allem was das Artwork betrifft, einiges gelernt. Auch über mich selbst, und so kann ich dieses, leider bisher einzige Werk von Julie Maroh, auch bedenkenlos weiterempfehlen. Allerdings mit dem Hinweis, dass es besser ist, sich die Comicvorlage zu holen und zu lesen, als den Film zu schauen. Dieser ist für sich gesehen zwar auch sehr sehenswert, verliert aber gegenüber der Vorlage sehr stark.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2010-2016 Julie Maroh / Éditions Glenat / Splitter Verlag

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2 Kommentare zu “Blau ist eine warme Farbe (Neuauflage) [Splitter, Februar 2016]

  1. Ich bin über deinen Jahresrückblick hierhergekommen, wollte aber noch ein, zwei Dinge dazu sagen 🙂
    Zum einen danke für deine Einschätzung des Verhältnisses des Comics zum Film. Ich habe es kaum geschafft, letzteren komplett zu sehen, da für mich nicht viel von dem enthalten war, was den Comic ausmacht. Alleine diese wirklich lange Sexszene, welche die Handlung nicht vorantreibt, zeigt alllzu deutlich die Intention des Regisseurs, m.M.n. hat er das Hauptanliegen der Vorlage nicht verstanden.
    Dann noch eine Frage zum Format: Du schreibst „das neue größere Splitter Books-Format“, ich habe den Band als „typisches“ Splitter Buch (siehe auch Descender), ist das von dir angesprochene Format größer?

    • In der Erstauflage aus dem Jahr 2013 erschien der Band in dem Format 24,6 x 17,4 x 1,8 cm mit einem Gewicht von 660 g. Das war das damals übliche Format bei Splitter. Die Neuauflage hat nun das Format von 28 x 20 x 2 cm und ein Gewicht von 830 g.
      Das neue Format fällt somit etwas größer aus.
      Das von dir angesprochene Descender hat bereits dieses größere Format.

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