Drei Steine [Panini Comics, Juni 2016]

Mit dem heutigen Review möchte ich eure Aufmerksamkeit auf eine ganz besondere Graphic Novel richten (auch wenn ich diesen Begriff nicht mag), die in den letzten Wochen immer wieder in den Medien zu finden war. Dennoch hat sie meines Erachtens nach noch lange nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdient hat. Schon alleine das Thema ist ein sehr heikles, auch wenn es sich hierbei um die Verarbeitung autobiografischer Ereignisse, durch den Autor/Zeichner Nils Oskamp handelt …

Drei Steine

Das Ruhrgebiet in den Achtziger Jahren. Die Stahlindustrie und die Zechen boten keine sicheren Arbeitsplätze mehr, weshalb die Arbeitslosigkeit bis auf 28 Prozent anstieg. Unmut und Angst machten sich breit. Diese Chance nutzten die Rechtsradikalen und Nazis, um ihre Macht zu stärken. Auch in Dortmund-Dorstfeld, an der Wilhelm Busch-Realschule gab es Schüler, welche der rechten Gesinnung und dessen Nazi-Verherrlichenden Propaganda verfallen waren. An diese Schule ging auch der junge Nils Oskamp und er setzte sich den Schlägern, die dieses rassistische Gedankengut verbreiteten zu Wehr. Mit seinem ehrlichen Mundwerk und offenen aber provokanten Worten stellt er seine Gegner immer wieder bloß, muss dafür aber oft Prügel einstecken. Doch was ihn am meisten verletzt ist, dass ihm außer dem Tom, dem Freund seines großen Bruders Jonas, niemand glaubt oder gar hilft …

Egal ob Opfer oder Täter. Am Ende bestimmen unsere Handlungen darüber, was für ein Mensch aus uns wird.

Egal ob Opfer oder Täter.
Am Ende bestimmen unsere Handlungen darüber, was für ein Mensch aus uns wird.

Wer mit „Drei Steine“ eine weitere typische Abhandlung über das Dritte Reich und dessen Folgen erwartet, der wird positiv überrascht sein. Im Mittelpunkt stehen zwar dennoch die Nazis, und ihre Versuche ihre Macht auszuweiten, aber ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist der persönliche Kampf eines Menschen gegen eine scheinbare Übermacht und der Angst, die sie in der Bevölkerung verbreitet.
Doch Oskamp nutzt hierfür keinesfalls zu emotionale Momente, um Mitleid beim Leser zu erzeugen. Er stellt die Ereignisse mit all ihren Einflüssen offen und ehrlich dar. Er zeigt die Heimtücke und die Radikalität der aufstrebenden Nazi-Anhänger, aber er offenbart ebenso die eigenen Fehler und die Hilflosigkeit und Angst seiner Mitmenschen. Dennoch prangert er deren Verhalten nicht an. Vielmehr macht er deutlich, dass es auch heute, trotz aller Aufklärung die von vielen Seiten und Institutionen betrieben wird, die Angst noch immer das Handeln beeinflusst. Und er zeigt, dass es manchmal auch einfach nur die Gleichgültigkeit mancher Menschen ist, egal ob bewusst oder unbewusst, die den rassistischen Nazigruppierungen die Möglichkeit zum Handeln und Wachsen gibt.

Im sehr eindrucksvollen Gespräch mit seinem Sohn, versucht Nils Oskamp den richtigen Umgang mit diesem Thema zu vermitteln.

Im sehr eindrucksvollen Gespräch mit seinem Sohn, versucht Nils Oskamp den richtigen Umgang mit diesem Thema zu vermitteln.

Wenn man den Band zum ersten Mal aufschlägt, fallen sofort die unterschiedlichen Grafikstile auf. Der Grundstil ist zwar immer der Gleiche, aber es gibt dennoch Unterschiede, die zeigen, dass dieses Werk über einen längeren Zeitraum entstand. Immer wieder gibt es Momente, wo von einem eher skizzenhaften, rauen und „unfertigen“ analog wirkenden Stil gewechselt wird, hin zu einem sauberen, kontrastreicheren und digital anmutenden Artwork. Manchmal erfolgt dieser Wechsel sogar innerhalb einer Szene, was im ersten Moment und beim ersten „Auftauchen“ im zweiten Viertel für ganze drei Seiten, etwas verstörend wirkt. Dennoch gewöhnt man sich als Leser sehr schnell daran, auch weil sich sonst nicht viel ändert. Die Farbgebung bleibt erhalten und diese konzentriert sich größtenteils auf zwei Farbpaletten. Die Gegenwart kommt in sanften Brauntönen und insgesamt recht hell, warm und friedlich, leicht an eine Sepia-Färbung erinnernd daher, während im Gegensatz zum braunen Gedankengut und der Vergangenheit die mit ihrer blauen Farbpalette und den starken Kontrasten eher eine kühle Stimmung vermittelt wird. Von diesen beiden Farbnuancen, und diversen Grautönen, abgesehen, gibt es nur eine weitere Farbe, der aber, wie bei Spielbergs „Schindler’s Liste“ eine wichtige Aufgabe zukommt. Auch hier ist es die Farbe Rot, die eine zusätzliche Dramatik mit ins Spiel bringt und den Leser bereits auf dem Cover entgegenspringt. Sie wird dann eingesetzt, wenn es notwendig wird, die Verletzlichkeit der Hauptperson darzustellen. Auch finden sich immer wieder die zumeist verhassten Nazisymbole, wobei Oskamp sie hier nicht zur Verherrlichung oder Provokation einsetzt, sondern einfach, um die Authentizität seiner autobiografischen Erzählung zu gewährleisten.

Der Kampf gegen Nazis und Rechtsradikalismus ist nicht nur ein Kampf der unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen, sondern oftmals auch ein Kampf um Leben und Tod.

Der Kampf gegen Nazis und Rechtsradikalismus ist nicht nur ein Kampf der unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen, sondern oftmals auch ein Kampf um Leben und Tod.

Mit „Drei Steine“ erzählt Nils Oskamp eine sehr persönliche und dennoch keine einmalige oder außergewöhnliche Geschichte. Vielmehr ist es eine Geschichte, wie sie immer wieder, auch heute noch, passiert. Und das ist im Grunde ein Zustand, den man nicht einfach so hinnehmen sollte. Damit der Leser nicht einfach nur eine rührselige Geschichte bekommt, die vielleicht zum Nachdenken anregen könnte, erweitert er den Band um ein persönliches Nachwort, eine Auflistung der rechtsradikalen Entwicklungen, mit Fokus auf Dortmund und ein paar Konzeptzeichnungen, Charakterdesigns und Vorzeichnungsstudien. Eine zusätzliche persönliche Note wird durch Fotos aus dem Besitz von Nils Oskamp, mit denen er seinen Besuch in Yad Vashem in Israel im August 2011 dokumentiert.

Die Angst regiert ...

Die Angst regiert …

Was ich allerdings weniger schön finde ist, dass er seit der Veröffentlichung des Buches bereits zwei Mordrohungen erhalten hat, nur weil er offen ausspricht, was ein großteil der Bevölkerung denkt. Die Angst darf unser aller Handeln und Denken nicht beeinflussen und dies beweist Nils Oskamp mit dieser Veröffentlichung auf eindrucksvolle Weise.
„Drei Steine“ erhält von mir eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchten, ohne dabei auf die konventionellen Mittel zurückgreifen zu müssen. Denn auch preislich kann man bei diesem sehr schönen, mit Spotlack versehenen Hardcover im Format von 24,7×17,5 cm absolut nichts falsch machen. Und falls jetzt die Frage aufkommt, wieso der Band „Drei Steine“ heißt, dann verweise ich auf das Lesen des Bandes. Denn dort werden dieses „Rätsel“ und auch deren Bedeutung aufgelöst.

Schlagfertigkeit und eine freches, aber offenes und ehrliches Mundwerk zeichnen auch heute noch Nils Oskamp aus.

Schlagfertigkeit und eine freches, aber offenes und ehrliches Mundwerk zeichnen auch heute noch Nils Oskamp aus.

Copright aller verwendeten Bilder © 2016 Nils Oskamp / Panini Comics

Info:

Titel: Drei Steine
Autor: Nils Oskamp
Zeichner: Nils Oskamp
Format: Hardcover
Umfang: 144 Seiten
Preis: 19,99 Euro

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