Jessica Jones – Alias Megaband Nr. 1 [Panini, Juli 2016]

Es gibt Serien, die haben es in Deutschland wirklich nicht leicht. Nicht etwa, weil sie schlecht sind, bei Weitem nicht, sondern vielmehr, weil der deutsche Comicmarkt ein vollkommen anderer, als der amerikanische ist, wo Verkaufszahlen einen anderen Rahmen haben und Serien dadurch auch bessere Chancen. In Deutschland braucht es schon einen zugkräftigen Namen, oder noch besser gleich mehrere. Am besten ist es dann natürlich auch noch, wenn zeitgleich ein Film oder eine Serie der jeweiligen Hauptfiguren anlaufen und dementsprechende Erfolge feiern. Noch besser ist es dann natürlich, wenn man noch mit bekannten Künstlern glänzen kann.
Genauso eine Serie ist „Alias“ von Brian Michael Bendis und Michael Gaydos mit ihrer Protagonistin Jessica Jones. Immer wieder wurde sie von den Fans gefordert und immer wieder musste Panini ablehnen, dass sie, trotz durchaus zugesprochenen Qualitäten, kaum Chancen hierfür auf dem deutschen Markt sehen. Bis Netflix mit ihrer Serie „Jessica Jones“ kamen …

Jessica Jones – Alias Band 1

Früher war Jessica eine Superheldin. Eine Heldin an der Seite der Avengers und kämpfte mit ihnen um das Bestehen der Welt und der Menschheit. Doch es kam die Zeit, in der sie dieses Leben nicht mehr führen wollte, und legte deshalb ihr buntes Kostüm ab. Jetzt ist sie eine Privatdetektivin und schlägt sich von Auftrag zu Auftrag. Meist geht es darum, um irgendwelche Fremdgeher oder Betrüger aufzudecken und manchmal führen ihre Enthüllungen auch zu sehr unschönen Szenen. Doch Jessica weiß sich zu helfen, denn auch wenn sie keine Superheldin mehr ist, hat sie noch immer ihre Kräfte. Problematisch wird es, als eines Tages eine Dame bei ihr auftaucht und sie bittet, ihre verschwundene jüngere Schwester zu finden. Was Jessica zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist, dass sie mit diesem Auftrag einen Nationalhelden in Gefahr bringt. Und nicht nur ihn, sondern auch die junge Frau und ihr eigenes Leben …

Wer meinem Blog schon etwas länger folgt, der weiß, dass meine Meinung zu Brian Michael Bendis in letzter Zeit nicht gerade die Beste war. Vor allem was seine Arbeit an Teamserien (Avengers, All-New X-Men) betrifft. Doch an Soloserien war er schon immer unschlagbar und auch diese Serie stammt noch aus einer Zeit, in der Bendis durchaus sein Handwerk verstand.
Er etabliert nicht einfach nur eine neue Figur, indem er sie in das Marvel-Universum einführt und ihr Leben ab diesem Zeitpunkt beginnt zu erzählen, nein er stattet sie mit einer Vorgeschichte aus, die bereits mit den großen Helden verknüpft ist, und offenbart diese langsam, nach und nach, dem Leser. So schafft er es nicht nur, sie im Marvel-Universum zu vertiefen, sondern legt auch gleichzeitig noch Schicht für Schicht ihrer recht komplexen Persönlichkeit frei. Zu Beginn ist sie nur eine gebrochene Heldin, die raucht und säuft, vor Gewalt nicht zurückschreckt und auch verbal auszuteilen versteht. Aber ihre Probleme gehen tiefer und selbst nach den ersten 15 Heften ihrer in diesem Band erstmals auf deutsch abgedruckten Soloserie, weiß der Leser noch immer nicht alles über Jessica. Neben der starken persönlichen Komponente ist der weitere Hauptaspekt dieser Serie die Kriminalermittlung. Spuren verfolgen, beobachten und ermitteln. Manchmal ziemlich langwierig dargestellt und auch die Gespräche mit Klienten, Verdächtigen und anderen Beteiligten ziehen sich oftmals über mehrere Seiten, in denen sich lediglich die Texte signifikant verändern. Dennoch wird es niemals langweilig. Einige der Aufträge sind sogar sehr emotional, verlaufen nicht wie man es erwartet und pausieren sogar zwischenzeitlich einmal. Es gibt sogar einen Fall, der vollkommen anders verläuft, als alle anderen in diesem Band, was sich nicht nur durch den Verlauf an sich verdeutlich, sondern auch durch dessen Präsentation.

Und somit wäre ich auch bereits bei den Zeichnungen. Auf den ersten Blick wäre Michael Gaydos unsauber wirkender Strich in meinen Augen nicht die erste Wahl gewesen. Viele dunkle Flächen, wenige Details, alles in allem recht minimalistisch und ohne die entsprechende Farbgebung von Matt Hollingsworth, der unter anderem auch für die Koloration an Matt Fractions und David Ajas Hawkeye verantwortlich ist, würde der Stil nicht wirklich wirken. Doch sehr schnell zeigt sich eben auch, dass gerade dieser Stil, alle notwendigen Elemente enthält, um die Handlung genau in den richtigen Momenten zu be- und entschleunigen und die Emotionen zu bestimmen. Gaydos Stil etabliert sich binnen kürzester Zeit zu einem festen Bestandteil der Geschichte und verschmilzt mit ihr zu einem außergewöhnlichen Gesamtwerk. Das Gaydos aber auch gänzlich anders kann, zeigt er bei der oben bereits erwähnten Geschichte. Denn statt der hier bereits angesprochenen starken Linien und großen Flächen nutzt Gaydos hierbei eine Maltechnik ähnlich Aquarell oder Gouache und zeigt somit seine Vielfältigkeit.
Ebenfalls sehr vielfältig ist David Mack, der für sämtliche Cover der einzelnen US-Hefte verantwortlich ist und die Panini mitsamt einiger unveröffentlichter Covermotive hier als Extra beigefügt haben. Als weiteres Extra sind 5 Seiten mit Skizzen von Michael Gaydos enthalten, die nicht nur einen etwas besseren Einblick geben, sondern auch sehr gut aussehen.

Nach vielen, vielen Jahren und vergeblichen Bitten der Fans, hatte Panini endlich ein Einsehen, woran Netflix mit seiner Serie Jessica Jones natürlich nicht ganz unschuldig war. Und es war eine goldrichtige Entscheidung. Mit diesem Ersten, von zwei Megabänden, kommen jetzt endlich auch die deutschen Leser in den Genuß einer der besten Serien aus der Anfangszeit des Marvel MAX Imprints, welches auch Brian Michael Bendis Erfolg mitbegründete, und dies nicht zu Unrecht. Auf über 350 Seiten sammeln sich die ersten 15 Hefte, die teilweise verschiedener nicht sein könnten und dennoch eine große Faszination ausüben. Selbst, oder vielleicht auch gerade, deshalb, weil es kein üblicher Superhelden-Mainstream-Comic ist. Ich für meinen Teil warte ungeduldig auf Band Zwei, der aktuell am 25. Oktober 2016 erscheinen soll, und kann für diesen ersten Band eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen, egal ob ihr bereits die Netflixserie gesehen habt, oder noch nicht.

Copyright aller verwendeten Bilder © 2001-2016 Marvel & Subs. / Panini Comics

Partnerlinks:

„Jessica Jones – Alias“ Megaband Nr. 1 bei Amazon bestellen.
„Jessica Jones – Alias“ Megaband Nr. 1 bei Panini bestellen.
„Jessica Jones – Alias“ Megaband Nr. 2 bei Panini vorbestellen.

Advertisements

3 Kommentare zu “Jessica Jones – Alias Megaband Nr. 1 [Panini, Juli 2016]

  1. Hallo, zunächst danke für die ausführliche Rezension. In der Vergangenheit war ich mit Paninis Umsetzungen ins Deutsche nicht immer glücklich. Deshalb überlege ich die Bände in Englisch zu kaufen. Wie siehst Du das im Fall Jessica Jones?

    • Das kommt darauf an, wie gut dein Englisch ist. Es wird sehr viel Umgangssprache gesprochen und Jessica flucht unheimlich viel.
      In Grunde liegt es also bei dir, aber ich persönlich würde dir die deutsche Ausgabe ans Herz legen, schon deshalb weil man es Panini hoch anrechnen muss, diese tolle Serie endlich auf Deutsch veröffentlicht zu haben und weil es die Chancen für ähnlich gut Serien dadurch erhöht auch auf dem deutschen Markt vertreten zu sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s